Erinnerung an den Brandanschlag in Solingen

Ich hätte es sehen müssen. Noch in der Nacht hätte ich sehen müssen, dass das Haus brannte. Ich wohnte keine 200 Meter Luftlinie auf der anderen Seite der renaturierten Mülldeponie. Das Fenster am Schreibtisch ging in die Richtung. Bis in die frühen Morgenstunden hatte ich vor dem Rechner gesessen. Davon erfahren habe ich aber erst am nächsten Mittag. Ein Freund kam vorbei. Ich lag noch im Bett.

Am Haus, oder dem, was davon übrig war, eine Menschenmenge. Schaurige Ruine.

Splitter1: Ein Autonomer agitiert auf dem Dach eines Kleintransporters lautstark mit dem Megaphone. Völlig unpassend. Er übertönte alles mit billiger Propaganda. Unangemessen, ist ein unangemessener Euphemismus.

Splitter2: Eine alte Türkin legt unter Tränen Blumen am Haus ab. Ein Pressefotograf bittet sie, dies zu wiederholen. Er wollte das Bild. Die Umstehenden wollten ihn schlagen.

Später dann im Mumms, eine Kneipe. Bier, Wut, Trauer und endlose Diskussionen. Wut über die Ohnmacht ob des Geschehenen, Trauer um die Menschen die gestorben sind. Trauer aber auch um die Heimatstadt, die über Nacht die Unschuld der unbeschwerten Kindheit verloren hatte. Darf man das sagen? Man darf, denn so empfanden wir es, obgleich wir es nicht sagten.

Was hätten wir wissen können? Wir diskutierten viel darüber. In Solingen gab es ein paar Altnazis, natürlich, von denen wusste man. Aber eine Neo-Naziszene? Eine Neo-Naziszene gab es hier nicht, die gab es in Wuppertal. Einige gingen zum Glatzen klatschen dahin. Ich nicht. Ich verabscheue Gewalt – und Nazis.  Betroffenheit. Man diskutierte drüber, ob man betroffen sei und ob man betroffen sein kann. Eine Diskussion um die Richtigkeit eines Wortes. Was darf man sagen? Am besten nichts: Die Worte fehlen noch heute.

Wieder später. Zurück auf der Straße. Noch mal zum Haus. Irgendwohin Nachrichten sehen. Auf dem Schlagbaum, einer großen Kreuzung, standen die ersten türkischen Jugendlichen. Wir haben uns noch nichts dabei gedacht. Als ich dann nachts auf dem Weg nach Hause wieder vorbei ging, war die Stimmung aggressiv. Autoreifen brannten, die Kreuzung war blockiert. Ich fand es O.K. Es war ihr Protest. Sie hatten alles Recht der Welt dazu. In der Nacht wurden dann die ersten Fensterscheiben eingeworfen. Später wussten wir, der Protest war organisiert. Die meisten der türkischen Jugendlichen kamen von Außerhalb. Graue Wölfe, türkische Faschisten. Sie fuhren mit Autos durch die Stadt, hielten an, ein Pfiff, sie stürmten aus den Autos, zerschlugen Scheiben, der nächste Pfiff und sie verschwanden wieder in den Autos. Bald gab es kein ganzes Schaufenster mehr in der Innenstadt.  Blinde Augen in vernagelten Fronten. Eine Endzeitstadt aus einem schäbigen Science Fiction. Zahllose Hundertschaften der Polizei mit Helmen, Schilden und plastik-verstärkten Kampfanzügen zogen durch die Straßen. Sie übten Deeskalation und machten ihre Sache gut.

Ansonsten: Demonstrationen, Diskussionen, Mahnwachen. Irgendwie rückte man auch zusammen in diesen Tagen, in dieser Stadt. Deutsche und Türken sprachen miteinander. Auf den Straßen immer wieder Gruppen von türkischen Jugendlichen, friedlich skandierend oder einfach nur beieinander hockend. Martialisch erst wenn Fernsehkameras in der Nähe waren. Journalisten und Kameramänner stachelten sie an. Sie wollten diese martialischen Bilder von Aufruhr. Ebenso wie sie die Geschichte wollten, dass es nur in dieser Stadt hätte passieren können. Unfug. Es ist in dieser Stadt passiert, aber letztlich hätte es überall passieren können. Es kann noch immer überall passieren.

Jahre später erklärte mir ein Kameramann, dass es die Zeit des Nachrichtenkrieges war. RTL starte gerade eigene Nachrichtensendungen und n-tv gab es erst seit Kurzem. Nachrichten, ein Geschäft für den, mit den dramatischsten Bildern. Bei n-tv  ein brennendes Auto in der Dauerschleife – mal mit der Perspektive stadteinwärts, mal mit der Perspektive stadtauswärts. Nach diesen Bildern waren es gefühlte 100 Autos, die brannten. Tatsächlich waren es nicht mehr als drei oder vier.

Splitter: Ein weißer Kleinwagen rast über den Graf-Willhelm-Platz. Aus dem Fenster grölt es Naziparolen. Wir haben es alle gesehen und gehört, standen fassungslos da. In den Nachrichten dann ein Bericht von einem Auto, das in eine Menschenmenge gerast ist. Bilder von einem weißen Kleinwagen. Sie sprachen von einem geistig verwirrten Fahrer. Nun gut, so kann man es auch nennen. Ich bin relativ sicher, den Wagen wiedererkannt zu haben – aber Erinnerungen können täuschen und Kleinwagen gibt es viele.

Die folgenden Tage und Nächte ein einziger Ausnahmezustand. Die ganze Stadt ein einziger Ausnahmezustand. Wenig Schlaf. Nachtwachen an „gefährdeten Häusern“. Tagsüber Demonstrationen. Wofür oder wogegen eigentlich? Am meisten wohl gegen die eigene Ohnmacht. Man musste ja was tun.

Sonntags dann die große Abschlusskundgebung. Menschen aus ganz Deutschland kamen. Es wurde der Supergau. Mit einigen Freunden war ich als Ordner dabei. Ein Sternmarsch war geplant. Aus jeder Ecke der Stadt ein Demonstrationszug bis zum großen Platz vor der Klingenhalle. Wir hatten einen ruhigen Teil des Marsches von Solingen-Wald in die Innenstadt erwischt. Familien mit Kindern. Den ganzen Tag gab es schon Gerüchte von Sonderzügen mit Nazis, die am Ohligser Bahnhof ankommen sollten. Was für ein Quatsch. Solche Gerüchte sind ein typisches Merkmal von Ausnahmenzuständen. Nach Solingen war ich noch zwei Mal in solchen Ausnahmezuständen. Einmal Ende 1999 als Helfer nach den großen Erdbeben in der Türkei und einmal nach der großen Flut in Mosambik Anfang 2000. Immer gab es diese Gerüchte, dass es in den nächsten Tagen noch schlimmer kommen würde: Deutliche Anzeichen für ein gewaltiges Erdbeben in Istanbul. Noch mehr Regen, noch mehr Wasser in Mosambik.

In Solingen waren es halt noch mehr Nazis. Aber die brauchte es gar nicht. Wir kamen als zweiter Demonstrationszug an dem großen Platz an, auf dem die Abschlusskundgebung stattfinden sollte. Vor der Bühne hatte sich schon ein Zug mit Türken versammelt. Die Mehrzahl waren graue Wölfe. Man konnte es gut sehen. Immer wieder stachelten Einpeitscher die Fahnenschwenker in der Gruppe an. Sie sollten ihre Fahnen schwenken, um die Bühne zu verdecken. Plötzlich Unruhe. Der nächste Zug kam. Kurden, in der Mehrzahl PKK-Anhänger. Wir Ordner rannten los. „Kette bilden“, wurde zum geflügelten Wort, das wir noch heute benutzen. Wir hakten uns unter und stellten uns zwischen die Gruppen. Eine menschliche Kette als Absperrung – besser, der jämmerliche Versuch einer Absperrung. Kaum hatten sich die Kurden hinter den Türken postiert, feindete man sich gegenseitig an. Gefühlt dauerte es keine zwei Minuten. Die beiden Massen drückten uns wie Spielzeuge auseinander und schlugen sich. Dachlatten, an denen Plakate gehangen hatten, knallten ebenso auf Köpfe wie Fahnenstangen. Wir Ordner standen in versprengten untergehakten Häuflein dazwischen. Nutzlos. Irgendwann zogen wir uns hinter die Bühne zurück und betrachteten das Geschehen kopfschüttelnd. Etwas abseits begannen sich zwei kleinere Gruppen zu prügeln. Soweit ich mich erinnere, eine türkische Sektion der MLPD und eine andere linke türkische Gruppierung. Auch die türkischen Ordner konnten sich das nicht erklären. Der Platz, gut zwei Fußballfelder groß, glich einem Tollhaus. In der Zwischenzeit hatte die Polizei einen Kessel um die Autonomen gebildet. Warum? Keine Ahnung. Die Autonomen hatten bis dahin friedlich auf der Erde gesessen. Es war ja kein wirklicher Gegner für sie da – bis die Sondereinheiten kamen.

Und wir? Das war nicht mehr unsere Veranstaltung. Zusammen mit ein paar türkischen Ordnern sind wir in eine Kneipe gegangen und haben uns fürchterlich betrunken.

Der Text spiegelt ungefiltert meine ganz persönlichen Erinnerungen wider. Ich habe bewusst darauf verzichtet, zeitliche Abläufe oder Details an anderer Stelle zu recherchieren. Aus diesem Grund bin ich auch auf die Hintergründe der Täter, der Opfer und der Familie Genc nicht weiter eingegangen. Der Familie Genc möchte ich an dieser Stelle meinen tiefen Respekt ausdrücken. Trotz der Opfer hat sie sich immer für ein friedliches Miteinander eingesetzt.

Außerdem sehr lesenwert die Erinnerungen von 500Beine aka Glumm zum Brandanschlag:

„Unser Türkenhaus brennt!“ 20 Jahre danach: Der Brandanschlag von Solingen

3 Comments

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